Vor Ort im Detail
Ratingen: von der Altstadt auf 70 Metern bis zu den Höhenlagen in Hösel
Ratingen spannt sich vom niederrheinischen Tiefland bis an den niederbergischen Rand und hat dadurch eine ungewöhnlich große Höhen- und Baualtersspanne. Die tief gelegene Altstadt sitzt auf rund siebzig Metern über dem Meer, die weit gestreuten Ortsteile von Lintorf im Norden bis Hösel im Osten liegen deutlich höher. Aus dieser Streuung folgt kein einheitliches Kanalbild: Was für die Altstadt gilt, gilt für Hösel gerade nicht. Wer in Ratingen saniert, muss darum jede Adresse für sich einordnen, statt eine Faustregel über die ganze Stadt zu legen.
Die historische Altstadt ist die älteste bezeugte Stadt zwischen Rhein und Sieg; Stadtmauer, Duempeltor und das Bürgerhaus haben sich erhalten. Unter diesem gewachsenen Kern liegen die ältesten Steinzeugstränge mit engen Muffen und Kalkmörtelfugen. Hier ist Wurzeleintritt aus dem alten Baumbestand der Wohnstraßen das Grundmuster, und die enge, versiegelte Bebauung macht offenes Aufgraben unattraktiv. Die grabenlose Renovierung vom Schacht aus schont Pflaster und Zufahrten, die man in der Altstadt sonst aufwendig wiederherstellen müsste.
Ratingen ist zugleich ein Ursprungsort der Industrialisierung: Die Textilfabrik Cromford von 1783 gilt als erste Fabrik des europäischen Kontinents. Rund um solche gründerzeitlichen und frühindustriellen Lagen finden sich gemischte Rohrbestände aus mehreren Bauphasen dicht nebeneinander, was die Zuordnung im Kamerabild erschwert. In den Nachkriegsvierteln liegt eine mittlere Generation Leitungen mit ersten Alterserscheinungen, in den Neubaulagen junges Material ohne akuten Sanierungsbedarf.
In Homberg, Hösel und Breitscheid am bergischen Rand ändert sich das Bild erneut: ländlichere Grundstücke mit langen Anschlussleitungen unter Baumbestand und leichteren Gefällen. Dort ist der durchgehende Schlauchliner meist wirtschaftlich, weil er die vielen Wurzelstellen eines langen Zugs zusammen abdichtet. In der dicht bebauten Altstadt reicht oft der punktuelle Kurzliner. Ob ein Liner genügt oder das betroffene Stück getauscht werden muss, entscheidet auch in Ratingen das Kamerabild mit Gefälleaufzeichnung, nicht die Lage allein.
Die frühindustrielle Vergangenheit rund um die Textilfabrik Cromford hat in Ratingen ein bauliches Erbe hinterlassen, das man den Leitungen nicht ansieht: Arbeiterhäuser, Fabrikantenvillen und spätere Erweiterungen wurden über anderthalb Jahrhunderte hinweg an dasselbe Netz gehängt. Unter einer einzigen Straße können darum Rohre aus mehreren Epochen aneinanderstoßen, mit wechselnden Durchmessern und Materialübergängen. Solche Übergänge sind die klassischen Schwachstellen: An der Naht zwischen altem Steinzeug und späterem Beton oder Kunststoff arbeiten die Baustoffe unterschiedlich, und dort sammeln sich Ablagerungen. Die Kamerabefahrung erkennt diese Materialwechsel zuverlässig und macht sichtbar, wo die eigentliche Ursache eines trägen Abflusses sitzt.