Vor Ort im Detail
Kalkstadt Wülfrath: Massenkalk-Riff, Kalkwerk Flandersbach und verkarstete Bettung
Wülfrath ist geologisch ein Sonderfall: Die Stadt liegt als einzige der Region auf einem devonischen Massenkalk-Riff am Nordrand des Bergischen Landes, während die Nachbarn Solingen, Remscheid und Wuppertal auf Tonschiefer und Grauwacke sitzen. Dieser Riffkalk ist verkarstet, von Klüften durchzogen, in denen Wasser unterirdisch zirkuliert und Feinmaterial verlagert. Genau darin liegt der wülfrathspezifische Sanierungsanlass: Wo unter einer Grundleitung die Auflage in eine Kluft nachrutscht, hängt das Rohr durch, verliert sein Gefälle, und aus einer dichten Leitung wird eine Mulde mit stehendem Wasser. Solche karstbedingten Setzungen entstehen ohne jedes Zutun von oben und sind nur mit der Gefälleaufzeichnung sauber nachzuweisen.
Der alte Kern liegt im Tal der Anger rund um den altbergischen Kirchplatz, wo Fachwerkhäuser aus dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert unter Denkmalschutz stehen. Hier liegt betagtes Steinzeug mit vielen Muffen, in denen sich über die Jahrzehnte Versätze und Wurzeln eingestellt haben. An den Hängen darüber breiten sich die jüngeren Wohnlagen bis über zweihundertsechzig Meter aus. Beide prägenden Bäche, Anger und Düssel, entspringen auf Wülfrather Stadtgebiet und laufen rheinseitig ab. Die Ortslagen Aprath, Düssel und Flandersbach an diesen Bächen nennt die Stadt in ihrer Starkregen-Gefahrenkarte als besonders gefährdet, wo nach Starkregen Wasser über undichte Verbindungen zurückdrücken kann.
Prägend ist das Kalkwerk Flandersbach mit der Werkssiedlung Rohdenhaus, das seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert den Riffkalk abbaut und die Stadt bis heute wirtschaftlich bestimmt. Für private Grundleitungen ist weniger das Werk selbst als der Untergrund entscheidend, den es freilegt: Der verkarstete Kalk macht die Bettung stellenweise unberechenbar. Wo andere Städte mit gleichmäßiger Setzung rechnen, muss man in Wülfrath mit lokalen Einbrüchen über Klüften rechnen, die eine einzelne Leitung punktuell absacken lassen, während der Rest des Zugs unauffällig bleibt.
Die Verfahrenswahl folgt in Wülfrath direkt aus dem Karst. Ist eine Leitung nur undicht, aber in Lage und Gefälle noch in Ordnung, schließt der Schlauchliner die Muffen über den ganzen Zug. Hat sich das Rohr dagegen über einer Kluft gesenkt und sein Gefälle verloren, wäre ein Liner falsch, weil er die schiefe Lage nur konserviert; dann ist der Austausch des betroffenen Stücks, grabenlos im Berstverfahren oder offen, der tragfähige Weg. Im denkmalgeschützten Kirchplatz-Umfeld mit seiner Fachwerksubstanz hat die grabenlose Arbeit vom Schacht aus Vorrang, um das historische Pflaster nicht zu öffnen.